Verschollenes neu entdecken
                   

Vorträge zu dem Thema

Vortrag von Barbara Elsas

Schlieffen und Windhausen

 Wir haben eben einiges über das Leben und Wirken den Generals von Schlieffen gehört, ich möchte Ihnen jetzt einiges von dem näher bringen, was er hier in Windhausen angelegt hat und wovon heute noch Spuren zu finden sind.

 1.    In den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts – die Literatur nennt 1763 und 1767 als Zeitpunkt – erwirbt General von Schlieffen das Gut Windhausen. Ab 1769 lässt General von Schlieffen - vermutlich durch Simon Louis du Ry, den bedeutendsten Kasseler Architekten der damaligen Zeit - das Schloss Windhausen anstelle einer vorher dort befindlichen Molkerei erbauen. Dieses Schlösschen ist streng symmetrisch aufgebaut und in sehr schlichtem barockem Stil gehalten. Im Innern gibt es schöne Stuckdecken und eine elegant geschwungene Treppe. In den Räumen finden sich zahlreiche Malereien, die der Werkstatt des berühmten Malers Joh. August Tischbein entstammen und oft symbolische Abbildungen der Künste und Wissenschaften zeigen.
Das Schloss wurde im zweiten Weltkrieg durch Artilleriebeschuss 1945 nur leicht beschädigt. Nach 1945 war es als Flüchtlingsunterkunft genutzt und verfiel. 1966 ließ das Land Hessen es erstmals gründlich renovieren. In seiner jetzt frisch renovierten Erscheinung ist das privat bewohnte Schlösschen Mittelpunkt des Gutsbezirks und ein echtes Kleinod.
Links vom Schloss befindet sich der große alte Backsteinbau einer Scheune, rechts vom Schloss liegen andere ehemalige Wirtschaftsgebäude und gegenüber ein malerischer kleiner See mit Trauerweiden. Hinter dem See, durch Bäume den Blicken entzogen, findet sich das Haus des Verwalters.
2.    Das Schloss ist also in gut erhaltenem Zustand, wie sich jeder Spaziergänger leicht überzeugen kann. Weniger ist von dem Gartenkunstwerk erkennbar, das von Schlieffen hat anlegen lassen. Etwa ab 1781 hat er nach der Mode der Zeit die Umgebung seines Schlösschens in einen frühromantischen englischen Landschaftsgarten verwandeln lassen, in dem es nicht nur einen genau geplanten, aber natürlich wirkenden Wechsel von Wald, Baumgruppen und freien Flächen mit Ausblicken in die Landschaft gab, sondern auch zahlreiche kleine Bauten,   ähnlich wie Sie es vermutlich alle aus dem zur gleichen Zeit gestalteten Wilhelmshöher Bergpark kennen. Form und Stil des Englischen Landschaftsparks entwickelten sich in England im 18. Jahrhundert als bewusster Kontrast zum bisher dominierendem Barockpark französischer Prägung, der die Natur in geometrisch exakte Formen zwang. Ziel des Englischen Gartens war es, sich bei der Gartengestaltung mehr nach dem zu richten, was die Natur an Ausblicken zu bieten hat. In ihm spiegelt sich das Prinzip der natürlichen Landschaft, die durch unterschiedliche und abwechslungsreiche malerische Eindrücke im Sinne des Ideals eines „begehbaren Gartens“.
Den Landschaftsgarten Windhausen gibt es so nicht mehr. Heute ist das Gebiet größtenteils Wald, der nach Norden an das Schloss anschließt, und nur kleine versteckte Hinweise auf den Zustand zu Schlieffens Zeit kann man finden. Von denen möchte ich Ihnen einiges näherbringen.

 3.    Zu den noch sichtbaren leicht zu findenden Elementen des ehemaligen Parks gehören die Affensäule und das Mausoleum. Bei den meisten Niestetalern am bekanntesten ist das so genannte Affendenkmal, eine abgebrochene Säule auf einem breiten Sockel aus Bruchsteinen mit einer längeren Inschrift, die in mitunter etwas blumigen und verschlüsselten Formulierungen an die Affen des Herrn von Schlieffen erinnert. Das genaue Datum der Errichtung des Denkmals ist nicht bekannt, vermutlich ist es zwischen 1781 und 1788 entstanden, denn vor 1781 schrieb Schlieffen meistens in Französisch und 1789 wird es bereits in einem „Journal von und für Deutschland“ erwähnt. Das Denkmal ist übrigens nicht irgendwann abgebrochen und es hat auch nie eine Affenfigur auf dem Säulenschaft gegeben, sondern die abgebrochene Säule ist ein schon aus der Antike stammendes Symbol des Todes und der Vergänglichkeit, das in der damaligen Zeit zunehmend beliebt gewesen ist und auch auf Friedhöfen in der Zeit häufiger zu finden ist, so z.B. auf Mozarts Grab in Wien.Wie viele Affen Schlieffen in Windhausen gehalten hat, ist umstritten. Er selbst schreibt von einer Herde, dem „Affengesipp“, von mehreren Generationen und von Geburten hier in Windhausen. Das erscheint nicht sehr glaubhaft, da die Haltung von Affen hierzulande nicht ganz einfach ist und sie nach seinen eigenen Angaben relativ frei lebten. Dass Schlieffen Affen besaß, ist gesichert, z.B. durch einen Brief seines Freundes Johannes Müller von 1781, in dem es heißt, dass Schlieffen bei Gängen in seinem Park von seinen Affen umspielt werde. Müller war Professor am Kasseler Collegium Carolinum. In der Biografie über Joh. Müller schreibt der Biograph Karl Henking von drei Affen auf Windhausen. Auch die Affenart ist nicht genau bekannt, vermutlich handelte es sich um „Grüne Meerkatzen“ oder „Javaneraffen“. Alle anderen Angaben über die Affen fußen auf den ausführlichen Aussagen Schlieffens in seiner eigenen Autobiographie.

Vortrag von Monika Nicolaus

Der militärisch-politische Werdegang des Martin Ernst von Schlieffen  

Im Jahre 1745, schon mit 13 Jahren, beginnt die militärische Laufbahn des jungen von Schlieffen in preußischen Diensten als „Gefreiterkorporal“ im Garnisonregiment von Bredow. 1751 wird er Fähnrich, muss aber 1756 wegen Krankheit das preußische Militär verlassen. Auch als 1756 der siebenjährige Krieg beginnt, wird er nicht wieder im preußischen Militär eingestellt. So wechselt er 1757 in die Dienste des Landgrafen von Hessen über und tritt als Fähnrich wieder ins Militär ein.1757 wird er zum Leutnant befördert und nimmt dann als Adjutant beim Herzog Ferdinand von Braunschweig, der in britischem Dienst Preußen unterstützte, bis 1762 am siebenjährigen Krieg teil (Gefechte in Witzenhausen, Belagerung des von Franzosen besetzten Kassels). In dieser Zeit wird er befördert: im Mai 1758 zum Kapitän, im Oktober 1759 zum Major, im März 1760 zum Major in der Garde im Rang des Oberstlieutenant in der Armee, im November 1760 Kommandant der Garde und Generaladjutant des Landgrafen, im Juni 1762 Oberst und Kommandeur der Garde du Corps, Juni 1763 Generalmajor und 1. Generaladjutant des Landgrafen. Nach Beendigung des siebenjährigen Krieges 1763, während dem er seine erste Äffin geschenkt bekommt, in manchen Angaben aber auch erst 1767, kauft von Schlieffen das Gut Windhausen zusammen mit dem Vorwerk Sensenstein und baut es danach in etwa 25 Jahren aus. 1773 gibt er den Hof Sensenstein wieder an Landgraf Friedrich II. zurück.

Im Oktober 1772 wird er Hessischer Staatsminister (für Äußeres und Kultur) und Generallieutenant. Damit wechselt er aus dem militärischen in den politischen Dienst. Er ist in dieser Funktion einer der einflussreichsten und wichtigsten Berater der hessischen Landgrafen Friedrich II. und Wilhelm IX. und begleitet diese auf diversen Reisen. Im Januar1776 geht er als Gesandter des Hessischen Landgrafen nach London und unterzeichnet dort den Subsidienvertrag, der den Verkauf hessischer Soldaten an England für den Krieg in Nordamerika organisiert. Schon im März werden die ersten der insgesamt 12.500 Soldaten aus Hessen-Kassel in Bremerlehe eingeschifft. Gerne hätte von Schlieffen die Soldaten nach Amerika begleitet, aber sein Landgraf hält ihn in Kassel zurück. Über 10 Millionen Taler erhält der Landgraf für die Vermietung seiner Landeskinder und fremder Söldner, die letzten kehren erst 1784 zurück. Von Schlieffen muss ein guter Unterhändler gewesen sein, denn der Herzog von Braunschweig bekam für seine nach England vermieteten Soldaten nur die Hälfte der Bezahlung, die der hessische Landgraf erhielt. Kein Wunder, dass Schlieffen diesen Subsidienvertrag für den vorteilhaftesten Vertrag in der Geschichte Hessens hält. Zum Dank für seine Dienste erhält Schlieffen eine englische Pension.

In dieser Zeit ist von Schlieffen auch Direktor des 1709 gegründeten Collegium Carolinum in Kassel, das um 1767 nach dem Vorbild einer Universität umgestaltet worden war und 1787 von Landgraf Wilhelm IX. geschlossen wurde. Im März 1786 verlässt von Schlieffen den Dienst beim Landgrafen von Hessen-Kassel

1787 arbeitet von Schlieffen im diplomatischen Dienst für Preußen. Im Streit zwischen dem Landgrafen Wilhelm IX. und Fürstin Caroline von Schaumburg-Lippe, einer Cousine des Landgrafen, ist er am Zustandekommen des sog. Schaumburger Vergleichs1) beteiligt, der zu Ungunsten Hessens ausgeht. In diesem Streit um Schaumburg ist Schlieffen also gegen den Landgrafen von Hessen tätig, in dessen Diensten er noch im Jahr vorher stand.

Im April 1789 wechselt von Schlieffen wieder von der Politik zurück ins Militär und tritt in preußische Dienste ein als Generallieutenant von der Armee und Gouverneur der Festung Wesel mit einem Gehalt von 4000 Talern. Noch im Jahre 1789 wird er in diplomatischer Mission nach Holland und England geschickt, um angesichts der ernsten Lage in Frankreich (Beginn der Französischen Revolution) die Verteidigung Hollands und die Unruhen in Brabant zu besprechen. Man vereinbart ein britisch-preußisches Hilfsbündnis für Holland für den Fall eines französischen Einmarschs. Ende 1789 geht er auf Befehl des preußischen Königs nach Belgien und marschiert als Oberbefehlshaber der preußischen Truppen im Bistum Lüttich ein, wobei er einen schweren Reitunfall erlitt. Im April 1790 kehrt er mit den Truppen wieder ins Clevische zurück. 1791 fährt er mit diplomatischen Aufträgen nach Kassel. Ein Angebot, die Statthalterschaft der belgischen Provinzen zu übernehmen, nimmt er aus Rücksicht auf Preußen, das sich gerade um eine Aussöhnung mit Österreich bemühte, nicht an. Im April 1791 wird er Chef des Füsilierregiments Eichmann Nr. 48 in Wesel und erhält eine Zulage von 2000 Talern. Dieses Regiment führte 1756/57 der Erbprinz von Hessen, der spätere Landgraf Friedrich II.. Im selben Jahr wird von Schlieffen auch Mitglied der preußischen Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin.1792 gründet er in Wesel eine „Gesellschaft von Verehren der Kriegskunst“, die sich um die Allgemeinbildung der Offiziere und Offiziersanwärter kümmerte.

Im April 1792 reicht Schlieffen wegen Krankheit und vor allem wohl wegen Unstimmigkeiten mit dem preußischen König seinen Rücktritt aus dem Dienst ein. Schlieffen hatte wiederholt um die Führung eines Regiments im Felde gebeten, was ihm aber nicht gewährt wurde.

Am 4.7.1792 scheidet er kurz vor dem 60. Geburtstag aus dem Dienst aus. Seiner Bitte, die Uniform seines Regiments weiter tragen zu dürfen, wurde stattgegeben. Wiederholt wies er den preußischen König auf die Problematik des Feldzugs gegen Frankreich hin, so dass er von französischer Seite den Marschallstab angeboten bekam, den er aber aus Vaterlandsliebe ablehnte. Bis 1808 setzt sich von Schlieffen nun auf seinem Gut in Windhausen zur Ruhe, nahm aber regen Anteil an den politischen und militärischen Ereignissen. So bot er dem preußischen König 1794 erneut und wieder vergeblich seine militärischen Dienste an, da er unter den Mängeln der Kriegführung im Kampf gegen Frankreich litt. Etwas kurios wirkt es heute, wenn Schlieffen 1797 beim preußischen König anfragt, ob er nach Veränderung der preußischen Uniformen seine bisher getragene Uniform beibehalten dürfe oder die neue tragen solle, wobei der preußische König ihm die Entscheidung frei stellt.

Als Napoleon 1807 das Königreich Westfalen mit der Hauptstadt Kassel schuf, wurde dem inzwischen 75jährigen Schlieffen eine hohe Stellung bei Hofe angeboten, die er aber ablehnte. Nicht ablehnen konnte er die Mitgliedschaft in den Reichsständen des neuen Königreichs2. So erschien er in seiner preußischen Uniform als Vertreter der Grundeigentümer des Fuldadepartements, dessen ältestes Mitglied er war. Während der Sitzungen der westfälischen Reichsstände wohnte von Schlieffen in Kassel am Königsplatz.

Nach der Wiederherstellung des Kurfürstentums Hessen 1813 war Schlieffen beim Kurfürsten in Ungnade gefallen, weil er angeblich König Jérôme seine militärischen Dienste im Kampf gegen die Kosaken Czernitschews zur Verfügung gestellt hatte. Daraufhin entzog ihm der Kurfürst die Gunst und sein jährliches Gehalt von 1000 Talern

Am 15.9.1825 starb von Schlieffen im Alter von 92 Jahren auf seinem Gut Windhausen.